Altenpflege in kollektiver "Betreuung"

 Erfahrung mit Entwürdigung in der Pflege von Alzheimer- und Demenz-Patienten in Krankenhaus und Pflegeheim

Ora et labora!
 

Tageslesung
(katholisch)

Tageslesungen
in Taizé

Gästebuch
Zum Vatertag
Über das Leiden meines alten Vaters in Köln
Fixierung Antonius

Ohne richterliche Anordnung wird er heimlich gefesselt. Als ich ihn besuche, erschrecke ich. Ich hatte ausdrücklich verboten, ihn zu fesseln. Man sollte mich rufen, wenn es  Probleme gibt. Man rief mich nicht.

Es war nicht das erste Mal. Und es war nicht das einzige Krankenhaus. Auch ein Krankenhaus in Köln-Longerich fixierte und sedierte. Mein Vater wäre 2010 beinahe gestorben.

Das Verfahren wurde nach 2 Jahren stillschweigend eingestellt. Obwohl zwei Gutachter bescheinigten, dass "Fehler" passiert waren. Eine US-Studie hatte man noch nicht gekannt.  

Man entschuldigte sich bis heute bei mir nicht. Mein Vater starb an den Folgen.


MIt dem Löffel in der Hand vor dem vollen Teller eingeschlafen. Verletzung an der Hand. Zähne nicht geputzt, nicht rasiert, das Untergebiss überhaupt nicht eingesetzt. Nachmittags um 16.15 Uhr in einem katholischen Krankenhaus in Köln-Bayenthal. Der Kontrollbogen war vorausgefüllt für die nächsten Tage und unterzeichnet. Man hatte also schon mehrere Tage vor sich, in denen NICHT gepflegt wurde. Und man dokumentierte es vorab, als sei es nachgewiesen worden. Betrug. Staatsanwaltschaft und Polizei blieben weitgehend untätig. 

Das Verfahren wurde nie zu Ende geführt. "Richter lassen bis zu drei Tagen Fixierung zu", grinste mich ein justitieller Verantwortlicher in einem Krankenhaus an. "Wäre ich da gewesen, wäre das nicht passiert", sagte mir ein ernsthafter Pfleger, der offensichtlich wusste, wovon ich sprach. 

Und dieses Erlebnis war nur das erste, das ich fotografierte. Ich erlebte es in 6 Jahren mehrfach.

Der Mann im Nachbarbett hat sich völlig mit Schokopudding eingesaut. Niemand fütterte ihn. Niemand reichte ihm mit guten Worten etwas. Und man reinigte seinen Tisch auch Stunden später nicht. 

Neben dem Bett - links - lag sterbend ein anderer Mann. Eine Angehörige weinte, als sie ihn besuchte. Der in der Mitte lag stöhnend in seinem Schokoladenpudding. Nachmittags um 16.15 Uhr - und zu anderen  Zeiten an anderen Tagen.


Als ich kam, traf ich meinen Vater  vor vollem Supenteller, den Nachbarn im Schokopudding verschmiert und daneben ein Sterbender. Die Begleiterin erklärt mir, sie sei verzweifelt, aber müsse sich nun um den Sterbenden kümmern.

Nachmittags. 16.15 Uhr ca.
Zustände in einem katholischen Krankenhaus.
Unter städtischer Kontrolle....


Ungenehmigte Fixierungen

Nicht nur dieser alte Mann war eingesperrt. Ich habe gegen diese Gitter schon gar nichts mehr gesagt, solange mein Vater nicht auch noch mit Mullbinden am Gitter festgebunden war. Warum macht man das bei ruhigen Patienten?
Einsamkeit eines dementen Menschen in einem für seine Wahrnehmung verheerenden optischen Umfeld. Kurz vor dem Tod. Realität.zerstochene Arme und auch Folgen der Fesselung??
Mein Vater war - als ich ihn besuchte - allein in einem gefliesten Flur, der ein kariertes Muster hatte. "Für Demenz-Kranke ein Desaster. Denn das macht die ganz wirr", sagte mir eine Expertin. Im Krankenhaus hatte man für mich und meine Klage "keine Zeit". Aber das Personal-Gewusel zeigte, dass man für die Übergabezeit offenbar keine ruhenden Pole für kranke Menschen hat.

(Foto aus August 2012; Tod: November)

Die dreckigen Tücher lagen in der besagten Woche mehrere Tage lang in diesem Bad.

Als ich die Schwestern ansprach, reagierten diese nagellackierten Schönheiten zickig. Es waren aber offenbar nur Schülerinnen.

Eine verantwortliche Schwester war überfordert. Sie hatte zwei Etagen zu "betreuen". Das Wort "Betreuung" kann ich seitdem nicht mehr hören.
Glocken für das Glück
Einer der letzten Spazierfahrten mit Rollstuhl zur katholischen Kirche, direkt neben Krankenhaus und Pflege-WG.

Mein Vater verlor den Glauben nie - jedenfalls nicht an Gott. An die Kirche?

Ist das moderne Seelsorge, Leute im Krankenhaus zu fesseln statt jemand an die Seite zu setzen, Angehörige aus dem Arbeitsplatz zu holen oder sonst Hilfe zu schaffen? Nein. Es ist furchtbar.

  Gästebuch

Einsamkeit eines dementen Menschen in einem für seine Wahrnehmung verheerenden optischen Umfeld. Kurz vor dem Tod. Realität.

Ein Richter hat das jedenfalls nicht genehmigt.
Einige Wochen später - ihm geht es ein wenig besser. Aber die Haut ist wie Pergament. Unter der Haut ist überall, wo eine Druckstelle ist, alles schwarz. Folge der Empfindlichkeit der Blutgefäße. Es ist Samstag. Ich gehe mit meinem Vater spazieren. Er im Rollstuhl - schweigt - freut sich an den Glocken, die gerade läuten. Er ist nicht fröhlich wie früher. Sein Kopf hängt. Nur die Glocken lassen ihn
aufhorchen.
Gott hat ihn nie verlassen. (23.6.2012)
 
 

Wenn der Mensch selber oder die Angehörigen erfahren, dass der Körper unweigerlich dem Tod entgegen geht,
weil dies medizinisch beobachtet werden kann, dann spätestens gibt es doch die Gedanken,
sich um eine gute, fundierte und die Menschenwürde erhaltende Hospizbegleitung zu kümmern.

Um es deutlich zu sagen: Der Umgang der kapitalistischen Gesellschaft mit alten und pflegebedürftigen Menschen, hier meinen Eltern, ist ein dauernder Verstoß gegen Artikel 1 Grundgesetz. Es mag sein, dass es gute Pflege gibt. Aber ich habe sie bei meinen Eltern nur durch ganz konkrete Menschen erlebt, nicht institutionell. Diese pauschale Aussage muss ich machen, weil es zu umfassend wäre zu erläutern, was Sozialämter, Wohnungsämter, Wohngeldstellen, Ämter für Senioren, Ämter für Behinderte, Diakonie, Caritas, Johannes-Seniorendienst, Pflegeheim, diverse private mobile Dienste, Deutsches Rotes Kreuz, auch bestimmte Fachärzte, Pfarrer, u.v.a. gesehen und nicht verändert haben. Einzelheiten im persönlichen Gespräch. Nachfolgend die letzten Bilder aus einem Krankenhaus, das einen christlichen Namen - den eines Heiligen - trägt. Zuwenig Personal, unfreundliche Umgangsweisen mit überforderten Angehörigen, grauenhafte Umgebung für Demenzpatienten, DRG-Praxis, schlechte Krankenhauspflege, mangelhafte Hygiene, Ignoranz des MDK, Ignoranz der Manager, Ignoranz bei Betreibern von Pflegeeinrichtungen alles möglich machten. Der Tod war Erlösung. Aber er war letztlich unwürdig. Und die Staatsanwaltschaft hält erlebte Missstände für Privatsache. Sie sei nicht im öffentlichen Interesse. Mehr sage ich dazu nicht mehr.

Wie froh kann man sein, keine Angst vor dem Tod zu haben, gleichwohl aber vor dem Sterben in einer Welt, in der das Funktionieren zur obersten Gottheit der Effizienzgläubigen in Krankenhäusern, Pflegefirmen, Kranken- und Pflegekassen, Amtsstuben und in der Wirtschaft gehört.

Das Verdrängen des Vorgeburtlichen und das Verdrängen des Todes als eines Übergangs in eine neue Wirklichkeit in der Hand Gottes ist Vielen heute fremd. Alle leben im Jetzt oder im Morgen im Sinne materieller Sicherheit und Lustbefriedigung. Das Sterben aber ist uncool, macht traurig, macht hoffnungslos für Viele.

Ich habe mich an einen Hospizdienst gewandt. Nun heißt es Kraft und Geduld aufbringen, dies dem Umfeld zu vermitteln, was dies nicht kennt und nicht versteht - vielleicht sogar nicht kennen und verstehen will. Mich macht es ärgerlich, traurig, wütend, dass es soviel Ignoranz davor gibt, was uns Allen bevorsteht. Wir kommen aus Gott und wir werden in ihn zurück kehren. "Ob wir nun leben oder sterben: Wir sind in Dir".  (Köln, August 2012)

Der Wirklichkeit in die Verletzungen blicken: Zerstochene Arme, zeitweise ganz schwarz vom Festhalten oder von Fixierung?  Man weiß es nur, wenn man zufällig Zeuge wird. Es teilt niemand mit, es wird kein Richter gefragt, es muss zwar in  ein Protokoll (aber das wird nur auf Anordnung dem Angehörigen vorgelegt. Und wenn der Betreuer nicht will, dann bekommt selbst der  enge Angehörige nichts gesagt. Der sterbende Mensch ist  zum Spielball derer geworden, die nicht mehr offen agieren.

Darum hofft der Mensch darauf, dass  ein Hospiz sich seiner annehmen kann. Aber das liegt nicht am Sterbenskranken, das liegt nicht am Sohn, an der Tochter, an Enkeln oder engen Verwandten oder Freunden. Das liegt auch daran, wer Macht hat über Wissen und Tun.


Mein Vater wurde 85 Jahre alt. Als er geboren wurde, gab es die Weimarer Demokratie. Als er 6 Jahre alt war, übernahmen die Nazis ihr Völkermord-Regime und indoktrinierten eine ganze Kinder-Generation. Als er 12 Jahre war, überfielen die Nazi-Deutschen die ganze Welt und mordeten Millionen von Juden und anderen Menschen, die sie für minderwertig erklärten. Als er 18 Jahre war, damals als nicht volljährig galt, lief er trotz Protest der Eltern weg und gehorchte denen, die ihn zum Volkssturm holten. Er das unreife jugendliche Noch-Kind geriet bei Remagen unter Beschuss und dann in amerikanische Gefangenschaft. Von diesem Krieg träumte er in den letzten Phasen seiner Demenz. Er endete in Gefangenschaft. Gefesselt.

Nun musste der Anwalt des inzwischen verstorbernen Misshandelten sein 
Engagement beenden. Es gibt keinen Kläger mehr. Und weil es auch keine Erben gibt, die das Recht haben, diese Klage zu führen, wird es kein Urteil geben. Übrig bleibt die Ohnmacht eines Sohnes, der einmal für Artikel 1 ff. des Grundgesetzes einen Beruf ergriff, dieses Recht durchsetzen zu helfen. Es misslang.

Die Durchsetzung des Rechts ist leider auch in Deutschland nur eine Frage, ob man Geld hat oder nicht, Einfluss, Macht oder Ansehen. So wird niemand diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die meinen Vater gesundheitlich geschädigt haben.

Außer Gott - aber selbst der verzeiht ja. Zurück bleiben also Menschen wie ich, die befürchten müssen, dass auch künftig - und auch bei mir selber - solche Zustände herrschen werden, wenn ich mal Pflege benötige und  die junge Generation nicht für mich oder uns kämpft.
V.i.S.d.P. Bernward Boden, erreichbar über

info ( at ) bernwardboden.de


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